6.9.5 Possessivsuffix statt Personalpronomen
Wo das Deutsche die betroffene Person mit einem Personalpronomen im Dativ nennt („mir“, „ihm“), setzt das Ungarische die Person als Possessivsuffix an das Körperteil oder den Gegenstand: A szemébe nézett. – Er sah ihr in die Augen. Remeg a kezem. – Mir zittert die Hand.
1.Aus „mir“ und „ihm“ wird ein Suffix
A szemébe nézett. – Er sah ihr in die Augen.
Megveregette a vállát. – Er klopfte ihm auf die Schulter.
Megcsókolta a kezét. – Er küsste ihr die Hand.
Az anya megmosta a gyerek kezét. – Die Mutter wusch dem Kind die Hände.
Remeg a kezem. – Mir zittert die Hand.
Das Deutsche nennt die Person, zu der ein Körperteil gehört, oft nicht beim Körperteil selbst, sondern als eigenes Satzglied im Dativ: „ihr in die Augen“, „ihm auf die Schulter“. Das Körperteil hat dann nur den bestimmten Artikel. Die deutsche Grammatik nennt diesen Dativ Pertinenzdativ oder Zugehörigkeitsdativ (lateinisch pertinere „sich erstrecken, gehören“).
Das Ungarische hat dafür kein eigenes Satzglied. Die Person steht als Possessivsuffix am Körperteil, wörtlich „er sah in ihr Auge“, „er klopfte ihre Schulter“. Der Artikel bleibt trotzdem stehen (→ 6.9.6); der Singular szemébe für beide Augen ist die Regel bei paarigen Körperteilen (→ 6.9.1).
szemébe {szem·É·be} – Auge·SEIN·in(in seine Augen, in ihre Augen) vállát {váll·Á·t} – Schulter·SEIN·(AKKUSATIV)(seine Schulter, ihre Schulter)Wortschatz
- szem – Auge
- szemébe – in sein/ihr Auge
- váll – Schulter
- vállát – seine/ihre Schulter (Akkusativ)
- kéz – Hand
- kezét – seine/ihre Hand (Akkusativ)
- kezem – meine Hand
- megvereget – klopfen (leicht, mit der Hand)
- megcsókol – küssen
- megmos – waschen
- remeg – zittern
2.Alle sechs Personen
| Ungarisch | Deutsch |
|---|---|
| Remeg a kezem. – meine Hand | Mir zittert die Hand. |
| Remeg a kezed. – deine Hand | Dir zittert die Hand. |
| Remeg a keze. – seine/ihre Hand | Ihm (ihr) zittert die Hand. |
| Remeg a kezünk. – unsere Hand | Uns zittern die Hände. |
| Remeg a kezetek. – eure Hand | Euch zittern die Hände. |
| Remeg a kezük. – ihre Hand | Ihnen zittern die Hände. |
Das deutsche Pronomen „mir, dir, ihm …“ wechselt mit der Person; im Ungarischen wechselt nur das Possessivsuffix. Das Verb remeg bleibt in allen sechs Sätzen gleich, denn Subjekt ist die Hand, nicht die Person.
Bei transitiven Verben steht das Körperteil im Akkusativ, das Verb in der bestimmten Konjugation (→ 10.4):
Megfogta a kezemet. – Er nahm meine Hand.
Megfogom a kezedet. – Ich nehme deine Hand.
Nach den Suffixen der 1. und 2. Person Singular kann die Akkusativendung fehlen: Megfogta a kezem. und Megfogta a kezemet. sind beide üblich.
Wortschatz
- kezed – deine Hand
- keze – seine/ihre Hand
- kezünk – unsere Hand
- kezetek – eure Hand
- kezük – ihre Hand (von mehreren)
- kezemet – meine Hand (Akkusativ)
- megfog – nehmen, fassen
3.nekem und neki nur bei Betonung
Eltört a lábam. – Ich habe mir das Bein gebrochen.
Péternek eltört a lába. – Peter hat sich das Bein gebrochen.
Péter lába eltört. – Peters Bein ist gebrochen.
Nekem is remeg a kezem. – Mir zittert auch die Hand.
Neki a lába fáj, nekem a hátam. – Ihm tut das Bein weh, mir der Rücken.
Ein Substantiv als Besitzer kann mit „-nak”/„-nek” vom Körperteil getrennt stehen, ähnlich wie der deutsche Dativ: Péternek eltört a lába. (→ 6.5) Das Personalpronomen im Dativ (nekem, neked, neki …) fehlt dagegen im Normalfall, denn das Suffix nennt die Person schon. Gesetzt wird es nur bei Betonung oder Gegensatz, oft mit is „auch“ – wie az én vor dem Besitzwort (→ 6.1.3).
Wortschatz
- láb – Bein, Fuß
- lábam – mein Bein
- lába – sein/ihr Bein
- hát – Rücken
- hátam – mein Rücken
- eltörik – brechen (intransitiv)
- eltört – ist gebrochen
- fáj – wehtun
- nekem – mir
- neki – ihm, ihr
- is – auch
4.Auch bei Tieren, Angehörigen und Gegenständen
Meghalt a kutyája. – Ihm ist der Hund gestorben.
Ellopták a táskámat. – Man hat mir die Tasche gestohlen.
Leesett a telefonom. – Mir ist das Telefon heruntergefallen.
Elromlott az autónk. – Uns ist das Auto kaputtgegangen.
Elment a buszom. – Mir ist der Bus weggefahren.
Der deutsche Dativ steht nicht nur bei Körperteilen, sondern bei allem, was einer Person geschieht, die davon betroffen ist: „mir ist … kaputtgegangen“, „ihm ist … gestorben“. Das Ungarische setzt auch hier das Possessivsuffix an das Besitzwort. Elment a buszom heißt wörtlich „mein Bus ist weggefahren“ – gemeint ist der Bus, den man nehmen wollte. Zu Kleidung und persönlichen Gegenständen (→ 6.9.3), zu Verwandten (→ 6.9.4).
Wortschatz
- kutyája – sein/ihr Hund
- meghal – sterben
- táskámat – meine Tasche (Akkusativ)
- ellop – stehlen
- telefonom – mein Telefon
- leesik – herunterfallen
- autónk – unser Auto
- elromlik – kaputtgehen
- buszom – mein Bus
- elmegy – weggehen, wegfahren
5.Das Wichtigste in Kürze
- Den deutschen Dativ der Person („mir“, „ihm“) drückt das Ungarische durch ein Possessivsuffix aus: A szemébe nézett. – Er sah ihr in die Augen.
- Das Suffix wechselt mit der Person, das Verb bleibt gleich: Remeg a kezem / kezed / keze.
- nekem, neki … stehen nur bei Betonung oder Gegensatz: Nekem is remeg a kezem.
- Ein Substantiv als Besitzer kann mit -nak/-nek getrennt stehen: Péternek eltört a lába.
- Dasselbe gilt für Tiere, Angehörige und Dinge: Elromlott az autónk. – Uns ist das Auto kaputtgegangen.
Vertiefung
6.Die Person als Objekt: vállon vereget, hasba rúg
Megveregette a vállát. – Er klopfte ihm auf die Schulter.
Vállon veregette. – Er klopfte ihm auf die Schulter.
Arcon csókolta. – Sie küsste ihn auf die Wange.
Kézen fogta a gyereket. – Sie nahm das Kind an der Hand.
Hasba rúgta. – Er trat ihn in den Bauch.
A hasába rúgott. – Er trat ihm in den Bauch.
Neben der Besitzform hat das Ungarische eine zweite Bauweise: Die Person ist direktes Objekt, das Verb steht in der bestimmten Konjugation, und das Körperteil steht ohne Possessivsuffix und ohne Artikel im Superessiv („-n”) oder Illativ („-ba”/„-be”). Wörterbücher führen beide Fügungen nebeneinander, etwa valakit vállon vereget neben valakinek a vállát veregeti, valakit hasba rúg neben valakinek a hasába rúg. Das Deutsche hat dieselbe Doppelung: „jemandem auf die Schulter klopfen“ und „jemanden an der Hand nehmen“.
In dieser Bauweise behält kéz den langen Vokal: kézen fog, aber kezét fogja.
→kezét – seine Hand (Akkusativ)→kézen – an der Hand
Aus einer solchen Fügung ist das Wort pofon „Ohrfeige“ entstanden (belegt seit 1636): pofa „Gesicht, Maul“ mit dem Superessiv „-on”, also ursprünglich „aufs Gesicht“, wie noch in pofon vág „ohrfeigen“. Heute ist es auch ein selbständiges Substantiv mit Plural pofonok.
pofon {pof·ON} – Gesicht·AUF(Ohrfeige)Wortschatz
- vállon – auf die Schulter
- arc – Gesicht, Wange
- arcon – auf die Wange
- kézen – an der Hand
- kézen fog – an der Hand nehmen
- has – Bauch
- hasba – in den Bauch
- hasába – in seinen/ihren Bauch
- rúg – treten
- pofa – Gesicht, Maul (derb)
- pofon – Ohrfeige
- pofon vág – ohrfeigen
7.Kezét csókolom: Höflichkeit ohne Pronomen
Kezét csókolom! – Küss die Hand!
Csókolom! – Guten Tag! (respektvoller Gruß)
Hogy van a felesége? – Wie geht es Ihrer Frau?
Fáj a feje? – Tut Ihnen der Kopf weh?
Das Suffix der 3. Person steht auch für die höfliche Anrede (→ 7.1.7). Ein Pronomen az Ön ist dabei meist überflüssig: kezét heißt in der Grußformel „Ihre Hand“. Kezét csókolom „Ich küsse Ihre Hand“ ist eine Lehnübersetzung des österreichischen „Küss die Hand“; die deutsche Formel kommt ohne Possessivwort aus, die ungarische nicht. Die volle Form ist ein ehrerbietiger, heute veralteter Gruß, besonders an Frauen und ältere Menschen; die Kurzform Csókolom! ist nicht auf Frauen beschränkt.
kezét {kez·É·t} – Hand·IHR·(AKKUSATIV)(Ihre Hand)Wortschatz
- csókol – küssen
- Kezét csókolom! – Küss die Hand!
- Csókolom! – Guten Tag! (respektvoll)
- feleség – Ehefrau
- felesége – seine Frau; Ihre Frau
- fej – Kopf
- feje – sein/ihr Kopf; Ihr Kopf
8.mir und sich beim Waschen: kezet mos
Megmosom a kezemet. – Ich wasche mir die Hände.
Kezet mosok. – Ich wasche mir die Hände.
Fogat mostál? – Hast du dir die Zähne geputzt?
A gyerek hajat mos. – Das Kind wäscht sich die Haare.
Auch der reflexive Dativ des Deutschen („ich wasche mir“, „er putzt sich“) wird im Ungarischen zum Possessivsuffix: megmosom a kezemet. Bei alltäglichen Verrichtungen steht das Körperteil aber oft ganz ohne Suffix und Artikel als artikelloses Objekt vor dem Verb: kezet mos, fogat mos, hajat mos. Dann wird überhaupt keine Person genannt, und das Verb steht in der unbestimmten Konjugation. Wann megmossa a kezét die eigene und wann eine fremde Hand meint, behandelt (→ 6.9.7).
Kéz kezet mos. – Eine Hand wäscht die andere.
Das Sprichwort entspricht dem lateinischen manus manum lavat. Goethes Lustspiel „Die Mitschuldigen“ wurde in Ungarn auch unter dem Titel Kéz kezet mos gespielt.
fogmosás {fog·MOSás} – Zahn·WASCHEN·ung(Zähneputzen)Wortschatz
- kezet – Hand (Akkusativ)
- kezet mos – sich die Hände waschen
- fog – Zahn
- fogat – Zahn (Akkusativ)
- fogat mos – sich die Zähne putzen
- haj – Haar
- hajat – Haar (Akkusativ)
- hajat mos – sich die Haare waschen
- fogmosás – Zähneputzen
9.Sprachvergleich
A szemébe nézett. – Er sah ihr in die Augen.
Megmosom a kezemet. – Ich wasche mir die Hände.
Das Englische verfährt wie das Ungarische und setzt das Possessivwort: He looked into her eyes, I broke my leg, I wash my hands. Französisch und Spanisch gehen wie das Deutsche mit Pronomen und Artikel vor: Il lui a serré la main „Er drückte ihm die Hand“, Je me lave les mains, spanisch Me lavo las manos. Das Russische setzt ebenfalls den Dativ: Он посмотрел ей в глаза (On posmotrel ej v glaza) „Er sah ihr in die Augen“; beim Waschen steht oft nur das Körperteil: Я мою руки (Ja moju ruki) „Ich wasche (mir) die Hände“.
Wortschatz
- szemébe – in sein/ihr Auge
- kezemet – meine Hand (Akkusativ)
- megmos – waschen
- néz – schauen, sehen
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