6.9.8 Unterschiede zum deutschen Sprachgebrauch
Wo das Deutsche bei Körperteilen, Kleidung und Verwandten einen Dativ („mir“, „sich“) oder nur den Artikel setzt, steht im Ungarischen das Possessivsuffix: Ich wasche mir die Hände. – Megmosom a kezem. Paarige Körperteile, Haar und Zähne stehen dabei meist im Singular.
1.Possessivsuffix statt „mir“ und „sich“
Megmosom a kezem. – Ich wasche mir die Hände.
Eltörtem a lábam. – Ich habe mir das Bein gebrochen.
Megvágtam az ujjam. – Ich habe mir in den Finger geschnitten.
Az anya megfésüli a gyerek haját. – Die Mutter kämmt dem Kind die Haare.
Remeg a térdem. – Mir zittern die Knie.
Das Deutsche nennt die Person, zu der ein Körperteil gehört, oft im Dativ und setzt vor den Körperteil nur den Artikel: „mir die Hände“, „dem Kind die Haare“. Dieser Dativ heißt Pertinenzdativ, von lateinisch pertinere „sich erstrecken, gehören“. Das Ungarische kennt ihn nicht. Es hängt das Possessivsuffix an den Körperteil: a kezem „meine Hand“, a gyerek haját „des Kindes Haar“ (→ 6.9.5). Ein Dativ nekem wäre in diesen Sätzen falsch.
Ist der Körperteil Objekt, kann das „-t” des Akkusativs nach „-m” und „-d” wegfallen: Megmosom a kezem oder Megmosom a kezemet.
Wortschatz
- kezem – meine Hand
- lábam – mein Bein, mein Fuß
- ujjam – mein Finger
- haját – sein/ihr Haar (Akkusativ)
- térdem – mein Knie
- megmos – (ab)waschen
- eltör – (zer)brechen
- megvág – schneiden
- megfésül – kämmen
- remeg – zittern
2.Artikel und Suffix zusammen
Felemelte a kezét. – Er hob die Hand.
Becsukta a szemét. – Sie schloss die Augen.
Megrázta a fejét. – Er schüttelte den Kopf.
Kinyitottam a szájam. – Ich öffnete den Mund.
Im Deutschen genügt der bestimmte Artikel, wenn klar ist, wessen Hand gemeint ist. Das Ungarische setzt den Artikel und dazu das Possessivsuffix: a kezét „die Hand-seine“. Felemelte a kezet hieße „Er hob die Hand (irgendeine bestimmte Hand)“, etwa die einer Statue (→ 6.9.6).
→kéz – Hand→keze – seine/ihre Hand→kezét – seine/ihre Hand (Akkusativ)
Wortschatz
- felemel – hochheben
- becsuk – schließen
- megráz – schütteln
- kinyit – öffnen
- fejét – seinen/ihren Kopf
- szemét – sein/ihr Auge, seine/ihre Augen
- szájam – meinen Mund
3.Singular bei Paaren, Haar und Zähnen
Fáj a lábam. – Mir tun die Füße weh.
Kék a szeme. – Sie hat blaue Augen.
Hosszú a haja. – Er hat lange Haare.
Fehér a foga. – Sie hat weiße Zähne.
Vizes a cipőm. – Meine Schuhe sind nass.
Hideg a kesztyűd. – Deine Handschuhe sind kalt.
Wo das Deutsche den Plural setzt, steht im Ungarischen meist der Singular: Paarige Körperteile (szem, fül, kéz, láb) und paarige Kleidungsstücke (cipő, kesztyű, zokni) werden als Einheit gesehen (→ 6.9.1, 6.9.3). haj „Haar“ und fog „Zahn“ bezeichnen im Singular das ganze Haar, alle Zähne oder einen davon. Ein einzelnes Haar ist hajszál, ein einzelner Zahn oder ein einzelnes Auge az egyik fogam, az egyik szemem.
Fáj az egyik fogam. – Mir tut ein Zahn weh.
hajszál {haj·SZÁL} – Haar·FADEN(einzelnes Haar)Wortschatz
- szeme – sein/ihr Auge, seine/ihre Augen
- haja – sein/ihr Haar
- foga – sein/ihr Zahn, seine/ihre Zähne
- cipőm – mein Schuh, meine Schuhe
- kesztyűd – dein Handschuh, deine Handschuhe
- fül – Ohr
- zokni – Socke
- hajszál – einzelnes Haar
- az egyik fogam – einer meiner Zähne
4.Schmerzen: fáj statt „Schmerzen haben“
Fáj a fejem. – Ich habe Kopfschmerzen.
Fáj a torkom. – Ich habe Halsschmerzen.
Fáj a hasam. – Ich habe Bauchschmerzen.
Fáj a hátam. – Mir tut der Rücken weh.
Mid fáj? – Was tut dir weh?
Mindenem fáj. – Mir tut alles weh.
Das Deutsche sagt „Kopfschmerzen haben“ oder „der Kopf tut mir weh“. Im Ungarischen ist der Körperteil mit Possessivsuffix Subjekt des Verbs fáj „schmerzen“: Fáj a fejem, wörtlich „Es schmerzt mein Kopf“ (→ 6.9.2). fáj steht nur in der 3. Person. Selbst Fragewort und Pronomen tragen das Suffix: Mid fáj? „Was-dein schmerzt?“, Mindenem fáj „Alles-mein schmerzt“. Das Substantiv fejfájás gibt es auch, mit van: Fejfájásom van „Ich habe Kopfschmerzen“.
fejfájás {fej·FÁJás} – Kopf·SCHMERZEN·(SUBSTANTIV)(Kopfschmerzen)Wortschatz
- fáj – schmerzen, wehtun
- fejem – mein Kopf
- torkom – mein Hals (Rachen)
- hasam – mein Bauch
- hátam – mein Rücken
- mid – was (an dir)
- mindenem – alles (an mir)
- fejfájás – Kopfschmerzen
- fejfájásom – meine Kopfschmerzen
5.Kleidung am Körper
Felveszem a kabátom. – Ich ziehe mir den Mantel an.
Vedd le a cipődet! – Zieh dir die Schuhe aus!
Zsebre tette a kezét. – Er steckte die Hände in die Taschen.
Feltette a szemüvegét. – Sie setzte sich die Brille auf.
Auch beim An- und Ausziehen steht im Deutschen der Dativ „mir“, „dir“, „sich“, im Ungarischen das Possessivsuffix am Kleidungsstück. Die feste Wendung zsebre tesz „in die Tasche stecken“ hat dagegen kein Suffix an zseb; hier ist die Tasche nur Ziel, nicht Besitz.
Wortschatz
- felvesz – anziehen
- levesz – ausziehen, abnehmen
- kabátom – mein Mantel
- cipődet – deine Schuhe (Akkusativ)
- zseb – Tasche (am Kleidungsstück)
- zsebre tesz – in die Tasche stecken
- szemüveg – Brille
- szemüvegét – seine/ihre Brille (Akkusativ)
6.Verwandte und Anrede
Van testvéred? – Hast du Geschwister?
Ő a bátyám. – Das ist mein (älterer) Bruder.
Ő az öcsém. – Das ist mein (jüngerer) Bruder.
Bemutatom a feleségem. – Ich stelle meine Frau vor.
Fiam, gyere ide! – Mein Sohn, komm her!
Drágám! – Mein Liebling!
Verwandtschaftswörter stehen fast immer mit Possessivsuffix (→ 6.9.4). feleség „Ehefrau“ kommt ohne Suffix kaum vor. Wo das Deutsche „Bruder“ und „Schwester“ sagt, unterscheidet das Ungarische nach dem Alter: báty, öcs, nővér, húg. testvér „Geschwister“ ist ein Singular; die Frage Van testvéred? gilt für einen und für mehrere (→ 6.7.4). In der Anrede trägt das Ungarische das Suffix wie das deutsche „mein“: Fiam!, Drágám!, Kincsem! „Mein Schatz!“, Uram! „Mein Herr!“. Fiam! sagen Ältere auch zu fremden jungen Leuten.
Wortschatz
- testvéred – dein Bruder, deine Schwester
- bátyám – mein älterer Bruder
- öcsém – mein jüngerer Bruder
- nővér – ältere Schwester
- húg – jüngere Schwester
- feleségem – meine Frau
- férjem – mein Mann
- fiam – mein Sohn
- drágám – mein Liebling
- kincsem – mein Schatz
7.Das Wichtigste in Kürze
- Statt „mir“, „dir“, „sich“ beim Körperteil steht das Possessivsuffix: Megmosom a kezem. – Ich wasche mir die Hände.
- Artikel und Suffix stehen zusammen: Felemelte a kezét. – Er hob die Hand.
- Paarige Körperteile und Kleidungsstücke, Haar und Zähne stehen meist im Singular: Kék a szeme. – Sie hat blaue Augen.
- Schmerzen: Körperteil mit Suffix + fáj: Fáj a fejem. – Ich habe Kopfschmerzen.
- Verwandtschaftswörter tragen fast immer ein Possessivsuffix; „Bruder“ und „Schwester“ werden nach dem Alter unterschieden.
Vertiefung
8.Ohne Artikel und ohne Suffix: kezet mos
Kezet mosok. – Ich wasche mir die Hände.
Fogat mosott és lefeküdt. – Er putzte sich die Zähne und ging ins Bett.
Kezet fogtunk. – Wir gaben uns die Hand.
Kezet csókolt a nagymamának. – Er küsste der Großmutter die Hand.
Für alltägliche Handgriffe gibt es feste Verbindungen aus Verb und Körperteil im Akkusativ ohne Artikel und ohne Possessivsuffix: kezet mos „Hände waschen“, fogat mos „Zähne putzen“, kezet fog valakivel „jemandem die Hand geben“, kezet csókol „die Hand küssen“. Sie bezeichnen die Tätigkeit als solche. Mit Artikel und Suffix wird der einzelne Vorgang am eigenen Körperteil benannt:
→Kezet mosok. – Ich wasche (mir) die Hände.→Megmosom a kezem. – Ich wasche mir die Hände (jetzt, gründlich).
Der alte Gruß an Frauen Kezét csókolom „Ich küsse Ihre Hand“ (wie österreichisch „Küss die Hand“) hat dagegen das Suffix; Kinder grüßen Erwachsene bis heute verkürzt mit Csókolom!.
Wortschatz
- kezet mos – Hände waschen
- fogat mos – Zähne putzen
- kezet fog – die Hand geben
- kezet csókol – die Hand küssen
- Kezét csókolom! – Küss die Hand!
- Csókolom! – (Gruß von Kindern an Erwachsene)
- lefekszik – sich hinlegen, ins Bett gehen
- nagymama – Großmutter
9.Feste Wendungen mit Körperteilen
Puszta kézzel fogta meg. – Er packte es mit bloßen Händen.
Nyitott szemmel alszik. – Er schläft mit offenen Augen.
A szemébe nézett. – Sie sah ihm in die Augen.
Kézen fogta a gyereket. – Sie nahm das Kind an der Hand.
Teli torokból kiabált. – Er schrie aus vollem Hals.
Tetőtől talpig sáros. – Er ist von Kopf bis Fuß schmutzig.
Négykézláb mászik. – Er kriecht auf allen vieren.
In festen Wendungen steht der Körperteil oft ohne Suffix und im Singular, wo das Deutsche den Plural hat: puszta kézzel, nyitott szemmel, kézen fog. tetőtől talpig heißt wörtlich „vom Dach bis zur Sohle“. Eine Ausnahme mit Plural ist der Befehl Fel a kezekkel! „Hände hoch!“.
négykézláb {négy·KÉZ·láb} – vier·HAND·Fuß(auf allen vieren) tetőtől {tető·TŐL} – Dach·VON talpig {talp·IG} – Sohle·BISWortschatz
- puszta – bloß, nackt
- kézzel – mit der Hand, mit den Händen
- nyitott – offen
- szemmel – mit dem Auge, mit den Augen
- szemébe – in sein/ihr Auge
- kézen fog – an der Hand nehmen
- teli – voll
- torkból – aus dem Hals
- tető – Dach, Gipfel
- talp – Sohle
- négykézláb – auf allen vieren
- Fel a kezekkel! – Hände hoch!
10.Eigenschaften: blaue Augen, lange Haare
Kék szeme van. – Sie hat blaue Augen.
Egy kék szemű lány. – Ein blauäugiges Mädchen.
Hosszú haja van. – Er hat lange Haare.
Egy hosszú hajú férfi. – Ein Mann mit langen Haaren.
Égnek mered a hajam. – Mir stehen die Haare zu Berge.
Äußere Merkmale werden mit dem Besitzsatz ausgedrückt (→ 6.7.1) oder mit einem Adjektiv auf „-ú/-ű” (→ 13.4.6). In beiden Formen bleibt der Körperteil im Singular: kék szemű, nicht *kék szemekű. Das Deutsche kennt diese Bildung nur bei wenigen Wörtern (blauäugig, langhaarig) und sagt sonst „mit langen Haaren“.
Wortschatz
- kék – blau
- szemű – -äugig
- kék szemű – blauäugig
- hosszú – lang
- hajú – -haarig
- hosszú hajú – langhaarig
- égnek mered – steht zu Berge
- hajam – mein Haar
11.Wessen Körperteil? Die 3. Person
Péter megmosta a kezét. – Peter wusch sich die Hände. / Peter wusch ihm die Hände.
Péter megmosta a saját kezét. – Peter wusch sich die Hände.
Péter megmosta a gyerek kezét. – Peter wusch dem Kind die Hände.
Das deutsche „sich“ zeigt eindeutig, dass der Körperteil zum Subjekt gehört. Das Suffix der 3. Person lässt beide Lesarten zu; meist ist der eigene Körperteil gemeint. Wo es auf Eindeutigkeit ankommt, steht saját „eigen“ oder der Besitzer wird genannt (→ 6.9.7).
Wortschatz
- saját – eigen
- megmosta – er/sie wusch (es)
- gyerek – Kind
12.Sprachvergleich
| Sprache | „Ich wasche mir die Hände.“ | Mittel |
|---|---|---|
| Ungarisch | Megmosom a kezem. | Possessivsuffix |
| Deutsch | Ich wasche mir die Hände. | Dativ und Artikel |
| Englisch | I wash my hands. | Possessivpronomen |
| Französisch | Je me lave les mains. | Reflexivpronomen und Artikel |
| Spanisch | Me lavo las manos. | Reflexivpronomen und Artikel |
| Russisch | Я мою руки (Ja moju ruki). | nur das Substantiv |
| Latein | Manus lavo. | nur das Substantiv |
Beim Körperteil geht das Ungarische mit dem Englischen: Beide nennen den Besitzer am Körperteil selbst (my hands, a kezem). Französisch und Spanisch verhalten sich wie das Deutsche. Beim Schmerz baut das Russische den Satz wie das Ungarische: У меня болит голова (U menja bolit golova) „Bei mir schmerzt der Kopf“, mit dem Körperteil als Subjekt. Den Plural bei Augen, Händen und Haaren setzen alle Vergleichssprachen; der Singular ist eine Eigenheit des Ungarischen.
Wortschatz
- kezem – meine Hand, meine Hände
- fáj – schmerzen
- fejem – mein Kopf
13.Wortgeschichte: feleség und testvér
Zwei Verwandtschaftswörter tragen den Besitzgedanken schon in sich. feleség „Ehefrau“ ist von fél „Hälfte“ abgeleitet (belegt um 1405); das Wort erinnert an die deutsche „bessere Hälfte“. testvér „Geschwister“ (belegt 1650) ist aus der Wendung egy test és vér „ein Leib und Blut“ entstanden, über das Adjektiv egytestvér.
feleség {feleSÉG} – Hälfte·HEIT(Ehefrau) testvér {test·VÉR} – Leib·BLUT(Bruder, Schwester)Wortschatz
- fél – Hälfte
- feleség – Ehefrau
- test – Körper, Leib
- vér – Blut
- testvér – Bruder, Schwester, Geschwister
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